JA. NEIN. VIELLEICHT.
Wir schreiben das Jahr 2005 und teilen unser Leben mit dem Berner-Rüden Casanova vom Jahnatal. Unsere Hündin Elsa vom Wiesenbachtal haben wir im November 2004 mit nur sieben Jahren nach einer Operation verloren. Unser erster Verlust war einschneidend und unfassbar traurig für uns und für Casanova.
Als Elsa 1997 zu uns kam, sind wir in den Hundesportverein in unserer Nachbarschaft eingetreten. Wir schätzen die Gemeinschaft und das herzliche Miteinander. Zu den Mitgliedern gehören auch Hundezüchter diverser Rassen. Ihre interessanten Einblicke in die komplexe Hundezucht, die Erzählungen und nicht zuletzt die Anwesenheit von Welpen im Verein, ließ den winziger Samen einer eigenen Berner-Zucht aufkeimen, wenigstens bei Wolfgang. Doch so schnell sollte es nicht gehen, denn unser Liebling Elsa hatte HD und kam für die Zucht nicht infrage. Wir hatten den Traum über all die Jahre längst ausgeträumt und ihr 1999 mit Casanova einen liebevollen Freund an die Seite gestellt.
Wir spürten, wie einsam Casanova jetzt war. Damals wussten wir noch nicht so genau, dass Hunde erwiesenermaßen bei Verlust ihrer Artgenossen ebenso trauern wie wir, doch man sah es ihm deutlich an. Wir trösteten uns gegenseitig, und ohne es auszusprechen, war der nächste Schritt ganz klar.
Bei Wolfgangs Welpensuche stieß er auf eine ältere Hündin, die abzugeben war. Acht Monate alt. Direkt vom Züchter. Er meinte, wir müssten mal hinschauen. Das wäre doch was. Ich selbst war nicht sonderlich begeistert. Übrigens war auch die Zucht an sich nicht direkt auf meinem Mist gewachsen. Wohin soll man denn mit den ganzen Welpen? Das hat sich mir überhaupt nicht erschlossen. Aber einen zweiten Hund brauchten wir auf jeden Fall.
Kurz vor unserem Urlaub fuhren wir hin. Die Hündin wurde aus ihrem Zwinger gelockt. Sie rannte ziellos und ängstlich durch das Grundstück, als wenn sie es noch nie betreten hätte. Es war nahezu unmöglich, sie anzuleinen. Sie sei ein besonders scheues Tier, hörten wir, und für die Zucht völlig ungeeignet. Sie müsse in erfahrene und liebevolle Hände. Meine Güte, wie leid sie mir tat. Sie hatte keinerlei Fokus, war verstört und erschreckte sich bei jedem Schritt. Sie versuchte, die Pfoten nicht aufzusetzen, als wolle sie vor dem Untergrund fliehen. Ich fragte mich, wie man ihr helfen solle und entschied bei diesem Anblick, dass wir dieser Aufgabe nicht gewachsen sind. So sehr ich mir auch wünschte, etwas für sie zu tun. Ich stand vollkommen hilflos vor diesem Schauspiel, so hilflos wie der Hund selbst es war. Dann endlich war sie eingefangen und angeleint. Wolle griff die Leine und ging mit ihr zum Tor. "Ich muss sehen, wie sie läuft.", meinte er. Sie machte alles, nur nichts, das man Laufen nennen könnte. Riesige Sätze. Sie sprang meterhoch. Jeder Grashalm war ihr ungeheuer. Sie buckelte wie ein wildgewordener Ziegenbock. "Nimm du sie bitte!", meinte er. Ich griff nach der Leine und war auf alles gefasst. "Ich muss sie laufen sehen." Oh mein Gott, mein Herz schlug bis zum Hals. Sie reißt sich bestimmt los und rennt weg. Aber Wolle ging zielstrebig voran. Insgeheim wollte jeder von uns das junge Geschöpf aus seiner misslichen Lage befreien, sie retten, sie lieben ... Es war zum Heulen.
Ich ging einfach los, sprach mit ihr. "Hey, meine Kleine. Hui, hui, komm, das wird ganz prima. Hurra, lauf, Engel, lauf!" Nichts war prima. Es war grauenvoll. Sie lief nicht, sie sprang. Meterhoch. Bei jedem Bodenkontakt schlug sie unkontrolliert wilde Haken in der Luft. "Bitte mach das da unten weg. Ich will das nicht!", las ich in ihren panischen Aktionen. Der Bodenkontakt war die Hölle für sie. Sie hatte noch nie diese Wiese gesehen. Doch ich lief und lief und zog sie einfach mit. Ich redete auf sie ein und sie musste mir folgen. "Komm, mein Mädchen, yeah. Lauf, lauf, lauf. Das machst du gaaaanz primaaaa!"
Schließlich drehten wir um und gingen auf der Straße zurück. Langsam beruhigte sie sich. Vielleicht konnte sie auch einfach nicht mehr. Wolle bat mich noch einmal mit ihr zu rennen. "Oh, dieses Laufwerk. Sie schwebt.", hörte ich ihn jubeln. "Wir nehmen sie, Schluss, aus!" Die Besitzer konnten uns nicht recht glauben, als sich Wolle mit den Worten verabschiedete: "Nach dem Urlaub holen wir sie ab!"
Auf der Rückfahrt redete ich auf ihn ein. Wir sollten uns das besser nicht aufbürden. Was, wenn wir versagten, ihr nicht gerecht würden. Ich kramte wirklich alle Zweifel hervor, dabei wusste ich längst, dass sie in zehn Tagen bei uns einzieht, ich sie lieben werde und wir alles für sie geben. Schade, dass wir nun erst noch Urlaub machen müssen, dachte ich voll Ungeduld.
Im Urlaub meldete Wolle sie zu ihrer ersten Ausstellung in Babenhausen für die Jüngstenklasse an. Das war ziemlich crazy :D Wie verrückt kann man sein? Die Show war schon in wenigen Wochen.
Nach dem Urlaub konnten wir es kaum erwarten, sie in unsere Arme zu schließen. "Du nimmst sie wirklich?", hieß es am Telefon. "Wir sind in einer Stunde da!" Tja, und dann war sie genau das: einfach da. Wir integrierten sie vom ersten Tag an wie selbstverständlich. Es gab kein Schonprogramm. Sie sollte sich ganz frei an unserem gewohnten Ablauf orientieren. Casanova zeigte sich von seiner charmantesten Seite und war bestimmt ihr größter Halt. Sie konnte sich überall frei bewegen, alles in ihrem Tempo anschauen und uns folgen oder nicht. Es dauerte seine Zeit. Bei der Ausstellung in Babenhausen riss sie sich während der Vorstellung im Ring von der Leine und verkroch sich in Panik unterm Richtertisch. Dennoch war es dem Richter Herrn Muthsam ein Prädikat vielversprechend wert und die Aussage: "Wenn es einer hinkriegt, dann Sie, Herr Alle!" Ein Jahr später fragte derselbe Richter bei Inschas Körung, ob das die Hündin von damals sei, und schwärmte, wie souverän sie sich nun präsentiert. Schön, oder?
So souverän muss sie sich wohl auch bei uns Zuhause präsentiert haben, als sie weit vor ihrer Körung während ihrer Standhitze den gut im Zwinger geparkten Casanova auf uns bis heute unerklärliche Weise Tür und Tor öffnete. Was zur Hölle machen die Hunde bitte zusammen im Garten?
Unserer A-Wurf!
P.S: 15 Welpen. Inscha ohne Zuchtzulassung. Strafzahlung. Nachträgliche Körung. Apollo bleibt bei uns, obwohl wir Artus behalten wollten. Doch das ist eine andere Geschichte.